Abgehörte Nachrichten sollen gezieltes Feuer auf Journalisten belegen
Die Assad-Truppen haben offenbar bewusst versucht, in Homs westliche Journalisten zu töten. Das soll aus Mitteilungen der syrischen Armee hervorgehen, die der libanesische Geheimdienst abgefangen haben will. Laut "Daily Telegraph" sollten die Tötungen später als Versehen dargestellt werden.
Hamburg - Der tödliche Angriff auf die Journalistin Marie Colvin und den Fotografen Remi Ochlik könnte eine gezielte Aktion der syrischen Armee gewesen sein. Der britische "Daily Telegraph" berichtet, Einheiten des Assad-Regimes seien explizit angewiesen gewesen, auf das behelfsmäßige Pressezentrum im syrischen Homs zu schießen.
Dabei beruft sich das Blatt auf Informationen des libanesischen Geheimdienstes. Dieser gibt an, entsprechende interne Armee-Kommunikationen abgehört zu haben. Tödliche Treffer, so der "Daily Telegraph" weiter, hätten später als Versehen im Kampf gegen die Widerstandstruppen in der Rebellenhochburg vertuscht werden sollen.
Das Blatt zitiert einen französischen Journalisten, der bis vor kurzem ebenfalls aus Homs berichtet hatte. "Vor einigen Tagen wurde uns gesagt, wir sollten Homs schnell verlassen. Andernfalls würde und die syrische Armee töten", so Jean-Pierre Perrin. Die Armee habe Anweisung gehabt, "jeden Journalisten zu töten, der Fuß auf syrischen Boden setzt", berichtet Perrin weiter. Woher er diese Informationen bekommen hatte, wird aus dem Bericht jedoch nicht deutlich.
"Dieses Regime muss gehen"
Auch nach Ansicht der französischen Regierung sind Syriens Behörden verantwortlich für den Tod der westlichen Medienleute. "Damaskus schuldet uns eine Antwort", sagte der französische Außenminister Alain Juppé am Mittwochabend. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sprach von Mord an den Journalisten und sagte: "Dieses Regime muss gehen."
Minister Juppé forderte nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP erneut einen Sicherheitskorridor, um den Verletzten mit Unterstützung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) medizinische Hilfe leisten zu können. Ihr Zustand sei besorgniserregend, betonte er. Die Reaktion der syrischen Regierung auf diesen Appell sei bisher nicht zufriedenstellend gewesen.
Bei den Angriffen auf den Stadtteil Baba Amro in Homs sollen insgesamt mehr als 80 Menschen getötet worden. Nach dem Bombardement am Nachmittag seien allein 60 Leichen unter den Trümmern entdeckt worden, berichteten Oppositionelle.
Wegen der eskalierenden Situation in Syrien zeichnet sich nach Einschätzung der Opposition eine militärische Intervention als einzige Lösung für den Konflikt ab. "Es gibt zwei Übel: Eine Militärintervention oder ein sich hinschleppender Bürgerkrieg", sagte Basma Kodmani, Führungsmitglied der größten Oppositionsgruppe Syrischer Nationalrat (SNC) in Paris.
Opposition berichtet von Jagd auf Zivilisten
Wenige Tage vor der für Freitag geplanten internationalen Syrien-Konferenz in Tunis schlossen die USA eine Bewaffnung der Rebellen nicht mehr aus. Russland, das wegen seines Vetos gegen eine Uno-Resolution zu Syrien in der Kritik steht, bemühte sich um freies Geleit für Hilfskonvois in die seit Wochen von Regierungstruppen belagerten Städte.
In mehreren Dörfern in der nördlichen Provinz Idlib haben Soldaten und Milizionäre von Präsident Baschar al-Assad nach Angaben der Opposition 27 junge Männer gezielt getötet. Sie hätten Jagd auf Zivilisten gemacht, teilte das Syrische Netzwerk für Menschenrechte mit. "Sie haben sie gefangen und ohne zu zögern getötet. Sie haben nur junge Männer gesucht, und wer nicht fliehen konnte, wurde umgebracht." Im Internet verbreitete Videos zeigten die Leichen gefesselter junger Männer - mit Schusswunden in Brust und Kopf.
Quelle:
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,817024,00.html